Erfolgsfaktoren für die Unterstützung von Schulen bei der Einführung einer systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierung
Dr. Martina Brandt, Dr. Ulla Große, Technische Fachhochschule Wildau
Zweiter Newsletter der Evaluation
Die 18. INNOPUNKT-Kampagne orientiert darauf, SchülerInnen frühzeitig und systematisch an die Anforderungen und Möglichkeiten der Arbeits- und Berufswelt heranzuführen. Das Hauptziel der Kampagne und aller Modellkonzepte besteht in der Systematisierung und dem Ausbau des Berufsfindungs- und -wahlprozesses der SchülerInnen. Durch praxisnahes Lernen sollen sie besser motiviert und interessiert in die Ausbildung eintreten. Die Berufsorientierung wird dabei als längerfristig angelegte, kooperative Bildungsaufgabe verstanden.
Sieben Träger unterstützen die Modellschulen und Projektregionen bei der (Weiter)Entwicklung und Erprobung integrierter Konzepte einer Verzahnung von Allgemein- und Berufsbildung unter Beteiligung unterschiedlicher Lernorte und Berücksichtigung der Qualitätskriterien der Schul- und Unterrichtsorganisation für das Praxislernen in Brandenburg. Dabei setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Tätigkeit und bearbeiten Projektregionen unterschiedlicher Typen (siehe auch Beitrag der Evaluation in dieser Rubrik v. 11.7.2007).
Nur in wenigen Fällen mussten Schulen noch von der Notwendigkeit überzeugt werden, Berufsorientierung über das obligatorische Schülerbetriebspraktikum hinaus anzubieten. Lediglich einige Gymnasien und Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe vertraten die Meinung, dies sei für ihre SchülerInnen verzichtbar, da sie ja studieren würden. Die Argumentation der Träger, dass eine Arbeitsweltorientierung und praktisches Erproben auch Voraussetzung für eine realistische Studienorientierung und einen gelungenen Übergang vom Studium in die Arbeitswelt sind und zudem erhebliche Anteile der AbiturientInnen eine Berufsausbildung anstreben, konnte ebenso wie das Engagement von Eltern diese Einschätzung teilweise korrigieren.
Bereits im ersten Jahr der Kampagne kristallisierten sich eine Reihe wesentlicher Erfahrungen bei der Unterstützung des Aufbaus von Kooperationsbeziehungen zwischen Schulen, Unternehmen und Bildungsdienstleistern mit Werkstattkapazitäten heraus, um gemeinsam eine systematische Berufsorientierung abseits von Aktionismus aufzubauen:
Entscheidungsbefugte AnsprechpartnerInnen zum richtigen Zeitpunkt kontaktieren
Die Vorbereitung einer Kooperationsvereinbarung mit Schulen zur Unterstützung des systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierungsprozesses der SchülerInnen benötigt zumeist einen mehrmonatigen Vorlauf. Eine Erstansprache erfolgt über die Schulleitungen und wird erleichtert, wenn die Schulen sich im Rahmen vorgeschalteter regionaler Auftaktveranstaltungen bereits über das Modellprojekt und dessen Unterstützungsangebote kundig machen können.
Die zeitaufwändigeren Absprachen für die konkrete Konzipierung und Umsetzung lassen sich am besten weitgehend außerhalb der Anlaufphase des Schul(halb)jahres, der Prüfungsphase und Zeugnisvorbereitung tätigen. Für die Terminabstimmung der zuvor bereits vereinbarten Aktivitäten bewährt sich der Beginn von Schul(halb)jahren. Eine Ansprache unmittelbar nach der Fusion mehrerer Schulen ist oft nicht erfolgreich, da deren Ressourcen dann zunächst auf die Bewältigung dieses Prozesses fokussiert sind.
Gewinnen fachkundiger MitstreiterInnen aus dem Schulbereich
Für die Etablierung einer systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierung und des Praxislernens als komplexes pädagogisches Konzept muss die Mitwirkung des gesamten Kollegiums erreicht werden. Flankierend ist die Unterstützung durch einen projekt- und netzwerkerfahrenen Partner sehr hilfreich. Als günstig erweist sich dabei die Möglichkeit, mit mehr als einem Ansprechpartner der Schule zusammenarbeiten zu können.
In der Regel sind das SchulleiterIn, StellvertreterIn, Verantwortliche für Berufs- oder Studienorientierung oder WAT-LehrerIn. Die in der Lehrerweiterbildung „Praxislernen“ des Netzwerks Zukunft qualifizierten LehrerInnen tragen als Multiplikatoren Know how und Ideen in die Kollegien. Als ernsthafte Probleme für die Gewinnung von TeilnehmerInnen für diese Weiterbildung erweisen sich Personalengpässe, Probleme in der Freistellung und mangelnde Wertschätzung der persönlichen Mehrbelastung.
Die Versetzung engagierter sachkundiger KollegInnen wirft den Prozess der Einführung systematischer Arbeitswelt- und Berufsorientierung an Schulen zurück. Das Staatliche Schulamt kann die Probleme durch Freistellungen sowie durch Anerkennung als Lehrerfortbildung mindern. SchulsozialarbeiterInnen übernehmen wichtige Funktionen in der Organisation sowie bei der Ansprache und Motivation von SchülerInnen. Leider sind sie nicht an allen Schulen vorhanden. Erprobt wird auch die Ausbildung von LehrerInnen und anderen PädagogInnen zu Jugendcoachen, die sowohl SchülerInnen individuell coachen als auch KollegInnen bei der Einführung einer systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierung unterstützen sollen.
Hauptverantwortung der Schule akzeptieren und an Erreichtes anknüpfen
Schulen benötigen Zeit zum Aufbau von Vertrauen, von dauerhaften Kooperationen und gemeinsamer Arbeitsformen sowie für die schrittweise Etablierung einer systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierung. Das Angebot an externen Unterstützungsleistungen sowie das Herausarbeiten des Nutzens, der im Ergebnis der Mehrbelastung erreicht wird, können die schulischen Akteure motivieren. Je besser an die konzeptionellen Vorstellungen und Interessen der Schulen (z.B. Schulprofilierung) sowie an deren Vorkenntnisse angeknüpft sowie auf bereits bestehende Elemente von Praxislernen und bewährte Kooperationen zu Firmen und Einrichtungen aufgebaut wird, umso reibungsloser und erfolgreicher gestaltet sich die Zusammenarbeit.
Dies schließt auch ein, bestehende Angebote wie Regionale Ausbildungsmessen, den Zukunftstag Brandenburg sowie regionale Angebote von Schauwerkstätten usw. einzubeziehen. Auf aktuelle Problemlagen von Schulen wie den Erhalt des Standortes, eine knappe Personaldecke besonders bei Erkrankungen, die Überlastung von LehrerInnen oder fehlende Finanzen (z.B. für Fahrkosten) muss eingegangen bzw. müssen gemeinsam Lösungen gesucht werden.
Einbinden von Eltern
Die Information der Eltern über Modellprojekte zur Unterstützung der Arbeitswelt- und Berufsorientierung ihrer Kinder und über ihre Rolle beim individuellen Berufsorientierungsprozess motiviert diese, für das eigene Kind bzw. im Rahmen der Aktivitäten der Schule aktiv zu werden. Auch tragen Eltern, die von der Notwendigkeit der Systematik bei der Berufsorientierung überzeugt sind, entsprechende Forderungen an zögerliche Schulleitungen heran. Schulfördervereine und Kreiselternbeiräte können die Einführung bzw. Ausweitung auf alle Schultypen sowie auf die Primarstufe unterstützen.
Systematisierung der Berufsorientierung auch am Lernort „Ausbildungswerkstatt“
Für ein systematisches Heranführen an die Arbeitswelt in Betrieben, Verwaltungen und sozialen Einrichtungen ist auch die Einbindung von Bildungsträgern erforderlich, wo entsprechende Berufsbilder praxisnah erprobt werden können. In der Regel verfügen diese über Vorerfahrungen mit Maßnahmen nach §33 des SGB III (Berufsfelderkundung und
-erprobung) sowie aus berufsvorbereitenden Aktivitäten und der Berufsausbildung, auf die man aufbauen kann.
Die Vorbereitung der spezifischen Lerneinheiten für SchülerInnen aus unterschiedlichen Klassenstufen und verschiedenen Schultypen (Oberschule, Gesamtschule, Gymnasium, Förderschule, Grundschule) ist aufwändig und kann ebenfalls nur schrittweise erfolgen. Für einige Bildungsträger ist eine Unterstützung bei der Systematisierung der Lerneinheiten in den Werkstätten hilfreich.
Eine Abstimmung des pädagogischen Anspruchs, der Lernziele, der Vor- und Nachbereitung von Lerneinheiten sowie eine gemeinsame Umsetzung der Qualitätskriterien Praxislernen des MBJS erfordert das Zusammenwirken von LehrerInnen und AusbilderInnen/SozialpädagogInnen. Für den Aufbau personeller und räumlicher Kapazitäten, die eine flächendeckende Mitwirkung an der systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierung für alle Brandenburger SchülerInnen ermöglichen, brauchen die Träger Planungssicherheit.
Anbieten passgenauer Unterstützung
Die Palette der externen Unterstützungsmöglichkeiten für SchulleiterInnen, LehrerInnen und SchülerInnen ist breit. Es ist jeweils eine schulspezifische Auswahl zu treffen aus organisatorischen bzw. inhaltlichen Leistungen wie zum Beispiel
- Herstellung / Ausbau von Wirtschaftskontakten
- Suche nach individuell passfähigen Praktikumsplätzen sowie nach Plätzen für schwierige SchülerInnen
- Organisation von Fahrten für SchülerInnen (Betriebserkundungen, Messebesuche,...)
- Einzelberatungen für SchülerInnen (für auf den Schulbus angewiesene SchülerInnen müssen Termine während der Unterrichtszeit vereinbart werden)
- Akquise von Finanzmitteln
- Übernahme der Kosten für den Berufswahlpass sowie Organisation der Einführungsveranstaltung für LehrerInnen
- Plattformen, um von in Sachen Praxislernen erfahrenen Schulen bzw. KollegInnen zu lernen (z.B. regionale Veranstaltungen, Berufsorientierungstag-Tag für LehrerInnen verschiedener Schulformen als Lehrerfortbildung)
- Auftreten von PraktikerInnen zu ausgewählten Themen im Unterricht
- Ausfüllen und Auswerten von Profilingbögen für individualisierte Berufsorientierung
- Nutzen des IHK-Bewerbercheck
- Austausch zwischen SchülerInnen und Azubis
- Angebote bereits für Klassenstufe 7 (z.B. Simulationsspiele)
Für schulorganisatorische, methodische und pädagogische Fragen bei der Ausgestaltung von Praxislernen bewährt sich der Rückgriff auf Experten aus dem Netzwerk Zukunft.
Wirtschaft auf vielfältige Weise einbinden
Die Kontaktaufnahme zu Wirtschaftsakteuren hat sich in unterschiedlichsten Formen bewährt. Dazu gehören das Nutzen der Unternehmenskontakte von Bildungsträgern, das Werben auf Innungsversammlungen der HWK, die Ansprache mit und über eine IHK-Projektgesellschaft, die gemeinsame Arbeit in kommunalen Arbeitskreisen zur Fachkräftesicherung sowie private Kontakte von Eltern und LehrerInnen.
In persönlichen Gesprächen, mit Anschreiben und im Rahmen gemeinsamer Netzwerkaktivitäten können Firmen über die konkreten Aktivitäten der systematischen Arbeitswelt- und Berufsorientierung von SchülerInnen ihrer Region informiert, für ihre arbeitsteiligen Mitwirkungschancen sensibilisiert und für ein Engagement motiviert werden. Die Einbettung in bereits laufende regionale Aktionen ist besonders förderlich, weil die Akteure bereits in gegenseitigen Austausch getreten sind.
Bildungsträger werden von Firmen als wirtschaftskompetente Ansprechpartner akzeptiert. Als Gegenleistungen für ihre Mitwirkung am Arbeitswelt- und Berufsorienterungsprozess der SchülerInnen ihrer Region schätzen die Unternehmen die praktische Vorbereitung und eine kompetente Vorauswahl von BewerberInnen auf die von ihnen angebotenen Praktikums- und Ausbildungsplätze.
Bei der Sondierung der Möglichkeiten einzelner Firmen, sich einzubringen, sind deren Betriebsgröße (Kapazität) und Komplexität der Betriebsabläufe sowie deren Vorerfahrung bei der Betreuung von Jugendlichen zu berücksichtigen. Die Mitwirkungsbereitschaft der Firmen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.
Dies gilt im Übrigen auch für soziale Einrichtungen und Institutionen der öffentlichen Verwaltung. Überzeugende Argumente sind das Anknüpfen an deren Erfahrungen mit der Fachkräftesicherung und der Änderung der Bewerbersituation. Auch Jobs mit hoher Arbeitsbelastung oder mit wenig lukrativer Vergütung sowie ein (zu) spätes Ausschreiben von Lehrstellen zwingen Firmen zum Handeln.
Noch viel zu tun bleibt bezüglich der Erkenntnis zur Notwendigkeit eines systematischen Vorgehens. Die Schulen nehmen die kompetente Unterstützung der Bildungsträger zur Firmenakquise wegen fehlender Zeit- und Finanzressourcen gern in Anspruch. Der Aufwand dafür ist insbesondere in strukturschwachen Räumen hoch. Die Wirtschaftsnähe von Bildungsträgern kann außerdem dazu beitragen, zukunftsfähige Branchen und passgenaue Praktikumsplätze noch stärker in den Fokus von Schulen und SchülerInennen zu rücken.
Flankierendes Engagement weiterer regionaler Akteure wichtig
Das Gewinnen der Partner „Staatliches Schulamt“, „Regionaler Arbeitskreis Schule-Wirtschaft“ sowie „Netzwerk Zukunft“ bereits vor der Ansprache der Schulen hat sich bewährt. Die Flankierung durch politisch Verantwortliche (BürgermeisterInnen, Landtagsabgeordnete,...) und fachlich-inhaltlich Beteiligte (Kammern, Unternehmerverbände, Arbeitsagentur, ...), die oftmals in regionalen Arbeitskreisen Schule-Wirtschaft oder Lenkungsgruppen mitwirken, erleichtert das Bekanntmachen neuer Aktivitäten und die regionale Systematisierung der Berufsorientierung.
Das gegenseitige Zuhören weckt Verständnis für die Situation und Handlungsspielräume der anderen Beteiligten als Basis für ein zielführendes Händeln von Schnittstellen und Synergien. Hierfür ist die Organisation entsprechender Plattformen erforderlich. Beispielsweise ermöglichen eine gemeinsame Teilnahme von LehrerInnen, AusbilderInnen und BerufsberaterInnen an der „Qualifizierung Praxislernen“ des Netzwerks Zukunft und das gemeinsame Agieren von AusbilderInnen und LehrerInnen in Lernbegleiterteams für SchülerInnen diesen Austausch.
Reserven gibt es bei der frühzeitigen Einbindung der Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit, die allerdings nur über begrenzte Ressourcen verfügt. Auch ein Berufsinformationszentrum ist nicht für jeden Jugendlichen gut erreichbar. Beispielhaft ist das Aushandeln kulanter Fahrpreise für Fahrten an außerschulische Lernorte mit einer regionalen Busgesellschaft. Eine Vernetzung mit Projekten anderer Regionalakteure kann die eigenen Berufsorientierungs-Aktivitäten erweitern. So stellt z.B. die Öffnung von zunächst für StudentInnen konzipierten Projekten auch für SchülerInnen der Sekundarstufe II eine Brücke von der Berufs- zur Studienorientierung her.
Auch die 18. INNOPUNKT-Kampagne zeigt: Eine systematische Arbeitswelt- und Berufsorientierung für SchülerInnen braucht neben Schule und Wirtschaft noch weitere engagierte Beteiligte, wobei Bildungsdienstleistern mit Werkstattkapazitäten und Ausbildungserfahrung eine besondere Rolle zukommt. Eine organisatorische und/oder inhaltliche Unterstützung durch einen Impulsgeber, Netzwerker und Moderator befähigt Schulen, aber auch andere Beteiligte, diesen Prozess ebenso wie Praxislernen als komplexes pädagogisches Konzept schneller und in guter Qualität zu gestalten. Sie trägt wesentlich dazu bei, Berührungsängste zu überwinden und aus langjährig getrennt entwickelten Denk- und Handlungskulturen heraus in Austausch und arbeitsteiliges Vorgehen zu treten sowie begründete Finanzierungskonzepte für eine Verstetigung zu entwickeln.
Kontakt: Technische Fachhochschule Wildau, Dr. Martina Brandt / Dr. Ulla Große, Tel.: 03375 - 508 512/513




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