Prisma - Nr. 2/2012

Jobmotor BER: Welche Berufsfelder profitieren?

IAB-Analyse untersucht die zu erwartenden Beschäftigungseffekte

Die Baubranche und ihre Mitarbeiter waren die Ersten, die die positiven Beschäftigungseffekte des Flughafens Berlin-Brandenburg BER festgestellt haben
Die Baubranche und ihre Mitarbeiter waren die Ersten, die die positiven Beschäftigungseffekte des Flughafens Berlin-Brandenburg BER festgestellt haben

Am 3. Juni 2012 wird der Flughafen Berlin-Brandenburg BER eröffnet. In der öffentlichen Diskussion waren zuletzt die Flugrouten dominant. Für die Bewohner der Region ist aber die Frage nach den beschäftigungspolitischen Effekten mindestens genauso wichtig. Die vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchgeführte Regionalanalyse versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

Bei der Frage nach den Beschäftigungswirkungen von Flughäfen, die in umfangreichen Studien für die Flughäfen Frankfurt, München und zuletzt Berlin-Brandenburg behandelt wurde, wird wie folgt unterschieden:

  • Erstens gibt es die direkten, indirekten sowie induzierten Nachfrageeffekte (damit sind die Multiplikatorwirkungen der Konsumausgaben gemeint) und
  • zweitens die sogenannten katalytischen - also die langfristigen - Effekte auf der Angebotsseite. 

Die direkten Beschäftigungseffekte ergeben sich zunächst aus den Aktivitäten auf dem Flughafen. Sie reichen von den Mitarbeitern der Fluggesellschaften bis zu den Beschäftigten in den zahlreichen Dienstleistungsunternehmen auf dem Airportgelände. Die indirekten Beschäftigungseffekte resultieren aus der Nachfrage der Flughafenbetriebe nach Vorleistungen, wie EDV-Dienstleistungen. Schließlich werden die Multiplikatorwirkungen der Konsumausgaben, die die beiden Beschäftigtengruppen als weitere Zweitrundeneffekte im volkswirtschaftlichen Kreislaufzusammenhang auslösen, als sogenannte induzierte Beschäftigungseffekte des Großflughafens der Gesamtbilanz hinzugerechnet.

Ein Großflughafen mit hinreichend differenzierter internationaler Anbindung ist ein entscheidender Bestandteil der Infrastrukturausstattung und damit auch der Angebotsbedingungen von Wirtschaftsregionen. Aus ökonomischer Sicht ist die langfristige (katalytische) Wirkung eines Flughafens vorrangig auf Investitionen, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum der regionalen Unternehmen von Bedeutung. Diese wirkt sich selbstverständlich auch auf die Beschäftigung aus. Diese im Zweifel sehr bedeutsamen Wirkungen - in der Studie für den BER umfassen sie 80 Prozent der Beschäftigungswirkung - sind allerdings nicht direkt messbar.

Direkt betroffene Berufe

Die Beschäftigung der direkt vom Flughafen betroffenen Berufe war in den vergangenen Jahren vor allem bei den Dienstleistungstätigkeiten stark gewachsen, die eine geringe oder mittlere Qualifikation erfordern. Neben Sicherheitsberufen profitierten vor allem Luftverkehrs- und Fremdenverkehrsberufe.

In Berlin konnten die direkten Effekte des Flughafens statistisch nur teilweise abgebildet werden. Starke Zuwächse bei Flugzeugmechanikern und Luftverkehrsberufen weisen auf Einflüsse hin. Nach diesen Befunden wird die Zahl der Dienstleistungsarbeitsplätze, die eine einfache bzw. mittlere formale Qualifikation voraussetzen, durch den neuen Airport in den kommenden Jahren zunehmen. Nicht absehbar ist allerdings, wie viele dieser zusätzlichen Arbeitsplätze in Schönefeld tatsächlich neu geschaffene Arbeitsplätze darstellen. So dürfte die Zusammenlegung der zwei verbliebenen Flughäfen zu Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen führen, die zunächst dämpfend auf die Beschäftigungsentwicklung wirken können.

Fließband für Gepäck
Dienstleistungsunternehmen auf dem Airportgelände profitieren direkt und indirekt

Indirekt betroffene Berufsfelder

Die Berufsfelder, die indirekt vom Luftverkehr begünstigt werden, sind in Berlin vor allem die Dienstleistungsberufe wie Luftverkehrsberufe und Fremdenverkehrsfachleute. In Brandenburg entwickelten sich zusätzlich technische Berufsfelder wie Flugzeugmechaniker bzw. Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure sehr positiv. Insbesondere die berlinnahen Kreise wie Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald haben hiervon profitiert, was sich voraussichtlich zukünftig fortsetzen wird. Mit einem weiteren Wachstum dürfte trotz Verlagerung der unmittelbaren Flughafenaktivitäten nach Brandenburg auch in Berlin zu rechnen sein. Je nachdem, wie flexibel Unternehmen und Beschäftigte aus der Luftfahrttechnik oder Logistik auf die Schließung des Flughafens Tegel reagieren. 

Die südlich an die Bundeshauptstadt angrenzenden Brandenburger Kreise werden voraussichtlich am stärksten vom neuen Großflughafen profitieren. Verantwortlich hierfür sind zum einen die unmittelbare Nähe zum Airport und zum anderen das bereits vorhandene Know-how in Produktion und Forschung beispielsweise bei Rolls-Royce, der MTU Maintenance Berlin-Brandenburg oder der Technischen Hochschule Wildau. Außerdem unterstützt das große ausgewiesene (Gewerbe-) Flächenangebot für weitere Ansiedlungen von Luftfahrtindustrie diese Entwicklung.

Dienstleistungstätigkeiten sowie Berufe im Produzierenden Gewerbe (insbesondere Ingenieure und Mechaniker) dürften ebenfalls erhöhte Wachstumschancen haben. Die bisherigen Beschäftigungszuwächse kamen vor allem männlichen Arbeitskräften zugute. Mittel- und langfristig ist jedoch davon auszugehen, dass die steigende Nachfrage nach hoch und höchst qualifizierten technischen Fachkräften nur dann gedeckt werden kann, wenn es gelingt, diese Berufe auch für Frauen attraktiver zu machen.

Katalytische Impulse auf die Unternehmen

Unter den Berufsfeldern, die vom ‚Gesamteffekt‘ des Flughafens profitieren, stechen vor allem die unternehmensnahen Dienstleistungstätigkeiten hervor. Neben Berlin haben insbesondere die flughafennahen Regionen Brandenburgs in den untersuchten Berufen Beschäftigungszuwächse erzielt. In der Bundeshauptstadt und jenen Brandenburger Kreisen mit Wachstum in ‚Gesamteffekt-Berufen‘ konnte z. B. bei Rechtsvertretern, Werbefachleuten, Unternehmensberatern, Datenverarbeitungs- und Versicherungsfachleuten, gegen einen meist negativen Gesamttrend, Beschäftigung aufgebaut werden.

Der Vergleich mit anderen Flughafenregionen verdeutlicht ein weiteres Wachstumspotenzial bei diesen wissensintensiven unternehmensnahen Dienstleistungstätigkeiten. Darüber hinaus dürften auch Wachstumspotenziale bei Medien- und künstlerischen Berufen, vor allem bei Berufen der Filmwirtschaft, gegeben sein. Dieser Aufwärtstrend wird mit der schnelleren internationalen Erreichbarkeit der Region und besseren Pflege von Netzwerken verstärkt. Auch für die tourismusnahen Berufsfelder wie Gastwirte/Hoteliers und Kellner/Stewards lässt sich eine positive Entwicklung feststellen, die sich weiter fortsetzen dürfte.

Vergleich mit anderen Flughafenregionen

Abschließend wurde die Entwicklung der Beschäftigung in den ‚Gesamteffekt-Berufen‘ in der Arbeitsmarktregion (AMR) Berlin-Brandenburg mit jener in den AMR Frankfurt/Main, München und Köln/Bonn verglichen. Das Wachstum in der AMR Berlin-Brandenburg war in diesem Beschäftigungssegment zwischen 1995 und 2007 entgegen dem Gesamttrend positiv, aber deutlich geringer als in den Vergleichsregionen. Auch der Beschäftigtenanteil in diesen Berufen war in der AMR Berlin-Brandenburg niedriger. Da sich regionale Beschäftigungsstrukturen frühestens auf mittlere Sicht durchgreifend verändern, ist erst in der längeren Frist mit einem Aufbau der zahlenmäßig bedeutsamen katalytischen Beschäftigungseffekte zu rechnen.

Dr. Dieter Bogai, Mirko Wesling

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Infos

Bibliografische Angaben: Bogai, Dieter; Wesling, Mirko: Großflughafen Berlin Brandenburg: Analyse airportaffiner Beschäftigungspotenziale in Berlin und Brandenburg. Reihe: IAB-Regional, Nürnberg 2010.

Die Studie finden Sie als PDF-Datei auf den Internetseiten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. 

(Die Studie wurde von der LASA Brandenburg GmbH in enger Abstimmung mit dem Brandenburger Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie und der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales in Auftrag gegeben.)