Akzente - Nach der Instrumentenreform - Nr. 2/2012

Problem Leistungsbezug

Das Jobcenter Landeshauptstadt Potsdam will Abhängigkeit von ergänzenden Leistungen senken

Die Betriebe stellen wieder ein. Und die Arbeitslosen in der Stadt Potsdam profitieren von der Nähe der Wirtschaftsräume in Berlin und Teltow-Fläming. „Selbst Kunden mit schlechteren Profillagen finden Arbeit", sagt Nadin Schollbach vom Jobcenter Landeshauptstadt Potsdam. Die neuen Möglichkeiten, die mit der Instrumentenreform gekommen sind, wird ihr Haus zum Teil zurückhaltend nutzen.

Interessant findet Nadin Schollbach, dass ihre Mitarbeiter jetzt Gutscheine für Aktivierungsmaßnahmen ausgeben können. „Damit können wir besser auf individuelle Bedarfe eingehen.“ Ein Akademiker beispielsweise brauche ein anderes Bewerbungstraining als jemand, der eine Helfertätigkeit sucht. In diesem Jahr stehen dem Jobcenter gut sechs Millionen Euro weniger Eingliederungsbudget zur Verfügung als noch im Jahr 2010. „Damals, 2010, ging ein großer Teil des Geldes in Maßnahmen für den zweiten Arbeitsmarkt“, sagt Schollbach. Das ist vorbei, eingespart hat das Jobcenter vor allem bei den Arbeitsgelegenheiten. „Der Arbeitsmarkt hat sich verändert und nimmt wieder Leute auf“, so Schollbach.

Eingang der Agentur für Arbeit Potsdam

Marktferne Kunden

Arbeitsgelegenheiten seien nur noch für diejenigen gedacht, die beschäftigt werden sollen, um ein halbes Jahr wieder eine geregelte Tagesstruktur zu erfahren. Für diejenigen, die weit weg sind vom Arbeitsmarkt und für die Weiterbildungsmaßnahmen nicht in Frage kommen, will Schollbach vor allem Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung ausschreiben. „Diese Maßnahmen können wir gezielt auf eine bestimmte Personengruppe zuschneiden.“ Für die neue ‚Förderung von Arbeitsverhältnissen‘ (FAV) sieht sie derzeit keinen Bedarf. Bis Mai gibt es noch Eintritte in das Bundesprogramm Bürgerarbeit, das reiche für dieses Jahr, sagt Nadin Schollbach. Schon im vergangenen Jahr hatte das Jobcenter Potsdam keinen Beschäftigungszuschuss mehr gefördert und Arbeitsgelegenheiten in der Entgeltvariante nur im Zusammenhang mit dem Landesprogramm ‚Arbeit für Brandenburg‘.

Drei große Kundengruppen gibt es im Jobcenter: diejenigen, die schnell in Arbeit kommen und nur verstärkter Vermittlung bedürfen. Dann gibt es marktferne Langzeitarbeitslose. „Diejenigen dazwischen, die näher am Markt sind, aber etwas mehr Unterstützung brauchen als die erste Gruppe, gibt es praktisch nicht mehr“, sagt Schollbach.

Die ganze Bedarfsgemeinschaft betrachten

Neben den marktfernen Kunden bereitet ihr auch die dritte Gruppe Sorgen. Es sind diejenigen, die arbeiten, durchaus in Vollzeit, und ergänzend Leistungen zum Lebensunterhalt beziehen, weil ihr Einkommen nicht ausreicht. „Wir haben viele Arbeitsaufnahmen, aber Abgänge aus dem Leistungsbezug sind bei kleinen Einkünften häufig schwer realisierbar“, beobachtet Schollbach. Dieser Gruppe möchte sie helfen, den Leistungsbezug hinter sich zu lassen. „Bisher haben wir alle Kunden immer individuell betrachtet, seit diesem Jahr können wir die ganze Bedarfsgemeinschaft erfassen.“ Möglich ist das, weil die statistische Auswertung geändert wurde. „Sind die Möglichkeiten für einen Partner in der Bedarfsgemeinschaft ausgeschöpft, können wir für den anderen Partner vielleicht noch etwas erreichen“, sagt Schollbach. Vor allem aber macht sich bemerkbar, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weniger Kunden betreuen und damit mehr Zeit für die verbliebenen Kunden haben. Auch das ist eine Folge der guten Entwicklung am Arbeitsmarkt.

Selbstständige im Leistungsbezug

Unter denjenigen, die ergänzende Leistungen zum Lebensunterhalt beziehen, gibt es auch viele Selbstständige. Für sie hält das neue Gesetz neue Leistungen parat. Jobcenter können jetzt auch Beratung und Qualifizierung fördern, um die Selbstständigkeit zu stabilisieren oder auszuweiten. Schollbach will die neuen Möglichkeiten jedoch nur sehr begrenzt nutzen, stattdessen setzt sie darauf, in Arbeit zu vermitteln. Nach ihren Erfahrungen sind viele selbstständige Tätigkeiten dieser Kunden nicht ausreichend tragfähig, da seien auch Qualifizierungen wenig hilfreich.  (jac)

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Arbeitslose, Eingliederungsbudget, Arbeitsgelegenheiten (AGH)

Arbeitslose (SGB II und SGB III)
Im Jahr 2011 hatte die Stadt Potsdam eine Arbeitslosenquote von 7,89 Prozent. Der Anteil an Langzeitarbeitslosen lag bei 28 Prozent. Im Jahresdurchschnitt waren 6.550 Personen arbeitslos.

Rückblick
2005 waren jahresdurchschnittlich noch 10.498 Menschen arbeitslos.
2010 waren im Jahresdurchschnitt 6.800 Menschen arbeitslos.

Eingliederungsbudget/AGH (Jobcenter)
2010 - zur Verfügung stehendes Eingliederungsbudget: 15.283.961 Mio. Euro.
Monatlich zur Verfügung stehende Arbeitsgelegenheiten mit  Mehraufwandsentschädigung (AGH) (durchschnittlich): 917 Plätze.

2011 - zur Verfügung stehendes Eingliederungsbudget: 11.088.222 Mio. Euro.
Monatlich zur Verfügung stehende AGH (durchschnittlich): 488 Plätze.

2012 - zur Verfügung stehendes Eingliederungsbudget: 9.093.061 Mio. Euro.
Monatlich zur Verfügung stehende AGH (durchschnittlich): 330 (geplant)