Prisma - Nr. 1/2012

Migranten als Nachfolger

Interview mit Birgit Felden, HWR Berlin

Mittelständler haben immer häufiger Schwierigkeiten, qualifizierte Nachfolger für den Chefsessel zu finden. Warum nicht auf externe oder interne Fachkräfte zurückgreifen, die einen Migrationshintergrund haben? Bisher ist dieses Potenzial noch nicht ausgeschöpft, weiß Professorin Birgit Felden von der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, denn sie hat zu diesem Thema eine Potenzialanalyse durchgeführt (s. Infokasten). Zu welchen Ergebnissen und Schlussfolgerungen die Analyse kam, dazu befragte BRANDaktuell die Wissenschaftlerin.

Professorin Birgit Felden
Professorin Birgit Felden

Frau Felden, aus welchen Gründen haben Sie die Analyse durchgeführt?

Es ist ja bekannt, dass es bei den mittelständischen Betrieben Probleme bei der Nachfolgeregelung gibt. Wir haben uns deshalb gefragt, weshalb das Potenzial der Migranten dabei so wenig berücksichtigt wird. Salopp gesprochen, warum übernimmt Ali Abdilla nicht den Handwerksbetrieb seines Chefs Martin Müller, obwohl er schon seit über 20 Jahren dort arbeitet. Oder anders formuliert, wir wollten wissen, welche Hürden Migranten zusätzlich überwinden müssen, abgesehen von den generellen Hindernissen einer Übernahme.

Haben Sie die Ergebnisse überrascht?

Ja. Dies gilt einmal für die Datenlage. Es ist kaum möglich, genaue Informationen zu erhalten. Die von uns per Statistik ermittelte Zahl der Unternehmen scheint viel zu niedrig. Es bleibt zu vermuten, das stützt sich auch auf unsere Interviews, dass hier vieles im Verborgenen geschieht und keinen Eingang in die Zahlenwelt der Statistik erhält.

Überrascht hat mich außerdem die Vielfalt, die unter dem Begriff Nachfolge subsumiert wird. Übergabe, Verpachtung oder Beteiligung sind nur einige Beispiele dafür. Diese Vielfalt in der Praxis kollidiert aber oftmals mit dem engen Korsett der Statistik, das die Bandbreite der Nachfolge-Praxis nicht abdeckt.

Weiterhin überrascht haben mich die Ergebnisse der Tiefeninterviews, die wir mit Beratern und anderen Experten geführt haben. Demnach zeichnen sich deutsche Unternehmer durch rationales, vernünftiges und bürokratisches Handeln aus. Unternehmer mit Migrationshintergrund würden dagegen im Allgemeinen eher kreativ und chaotisch handeln. Außerdem konstatierten die Experten den Migrantenunternehmern niedrigere Qualifikationen und schlechte Bonität.

Gibt es eine Brandenburger Spezifik?

Ja, denn die Nachfolge von Migranten ist hier fast nicht virulent. Auch unsere beiden befragten Experten Andreas Lehmann von der IHK und Hans-Dietrich Metge vom Unternehmerverband kannten kaum Fälle migrantischer Nachfolgen. Da wir nur Brandenburg als einziges ostdeutsches Bundesland untersucht haben, wissen wir allerdings nicht, ob die Brandenburger Spezifik auch auf die anderen ostdeutschen Bundesländer übertragbar ist.

Welche Konsequenzen sollten aus den Ergebnissen gezogen werden?

In der Analyse haben wir mehrere Handlungsempfehlungen gegeben. Dazu gehört auch eine verbesserte Öffentlichkeitsarbeit: So kennen beispielsweise viele Migranten die Datenbank Nexxt-change nicht. Außerdem sollte der Vorteil einer Migrationsübernahme vielmehr in den Vordergrund gestellt werden. Denn im Zuge der Globalisierung sind Mehrsprachigkeit und kulturelle Kompetenz ein Wettbewerbsvorteil. Wichtig ist es auch, den engen Nachfolgebegriff, der vor allem in der Statistik angewandt wird, offener zu verwenden, denn die Praxis ist bunter. Außerdem sollte es eine zielgruppengerechte Ansprache der Migranten geben, die besonders auf die ethnischen Milieus Rücksicht nimmt.  (em)

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Analyse soll den Anteil der Migranten als Nachfolger erhöhen

Die ‚Potenzialanalyse von Migrant/innen zur Lösung der Nachfolgelücke im Deutschen  Mittelstand‘ (MiNa) hat folgende Zielsetzung: das Nachfolgepotenzial von Migrantinnen und Migranten zu quantifizieren und in den Untersuchungsregionen Berlin, Brandenburg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen vertiefende qualifizierte Daten zu ermitteln. Außerdem sollen Handlungsempfehlungen für die Beratung und Begleitung sowie ein Handlungsleitfaden für Multiplikatoren erstellt werden. Das Projekt wurde von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) in Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) durchgeführt. Der Projektzeitraum war von August 2010 bis Dezember 2011.

Handlungsempfehlungen

Anhand der Ergebnisse geben die Forscher folgende vier Empfehlungen:

  1. Wissen verbessern 
    Dazu gehören verschiedene Maßnahmen, wie eine bessere Werbung für die Nachfolgedatenbank der KFW ‚Nexxt-change‘ oder migrantische Nachfolgerstammtische einzurichten. 
  2. Prozesse optimieren 
    Zu dieser Kategorie gehören Maßnahmen, wie Zeitregime abzustimmen und die Vernetzung zu verstärken.
  3. Interkulturalität als Ressource nutzen 
    Hierunter schlagen die Wissenschaftler vor, dass den Migranten die Nachfolgeregelungen in einer zielgruppengerechten Ansprache erläutert werden und dass generell eine Diversity-Sensibilisierung erfolgen sollte.
  4. Vorurteile abbauen und vor Benachteiligung schützen 
    In dieser Kategorie werden Aktionen empfohlen, wie Hervorheben des Potenzials von migrantischen Nachfolgern und Nachfolgeinteressierten, Reduktion von Fremdwahrnehmung bei Migranten, Verfahrensweisen für Klienten transparenter  zu machen und objektive Kriterien der Nachfolgerbewertung zu stärken.

Infos
Die Potenzialanalyse wird demnächst auf den Internetseiten der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin veröffentlicht.